linz & wien austria Sat, 31 Jul 2010 10:53:48 +0200

Der Fußballzyklus

Sie haben immer schon daran gezweifelt, dass es auf den Finanzmärkten nicht mit rechten Dingen zu geht? Sie haben Recht. Das bestätigt eine Analyse - nicht von Attac, sondern der renommierten Globalisierer-Zeitung Wall Street Journal.

Was beschäftigt einen Spekulanten jeden Morgen und jeden Abend? Ob er in jene Titel investiert hat, die demnächst nach oben gehen oder nicht. Die Spekulanten wissen vielleicht (aber es kümmert sie nicht), was die neoliberalen Freie-Markt-Ideologen meist nicht wissen (und auf jeden Fall nicht wissen wollen), sehr wohl aber Wissenschafter: Spekulanten haben kein Kursziel, sondern nur eine Richtung: Sie spekulieren zwar darauf, wohin es geht, aber nicht, bis wohin.

Das klingt nicht allzu spektakulär, macht aber einen großen Unterschied. Interessant wird der Schluss: Wenn man einen Haufen wilder Zocker ohne Kursziel am Compuer gambeln lässt, dann ist die hehre Theorie, dass sich die Märkte bei einem bestimmten Preis einpendeln dahin: Der Preis wird völlig erratisch und macht wildere Bocksprünge, je länger gespielt wird. Dieses Ergebnis lässt sich auf jedem Finanzmarkt ablesen: Die Finanzmärkte zählen zu den freiesten Märkten der Welt, und genau die Finanzmärkte sind grauenhaft instabil.

Soetwas ähnliches scheint auch bis zum Wall Street Journal durchgedrungen zu sein, denn es fasste in seiner Ausgabe vom 27. Jänner 2004 die gängigen gut abgesicherten Theorien zusammen, warum Börsenkurse auf und ab gehen. Wegen der Wirtschaftsentwicklung, meinen Sie? Sie Optimist.

  • Der US-Präsidentenzyklus: Im ersten und zweiten Jahr einer US-Präsidentschaft geht es drunter und drüber, im dritten Jahr boomt die Wirtschaft, im vierten Jahr auch meistens. Grund ist die spendable Laune der Präsidenten auf Wiederwahlkurs.
  • Der Zehnjahreszyklus: Jahre, die mit einer Vier enden (1954, 1964, 2004) sind mies, die mit einer Fünf enden (also nächstes Jahr), sind super. Warum? Weiß der Geier, sagt das WSJ.
  • Der Bauernregel-Reim-Zyklus: Wenn die Dealer nicht englisch sprächen, dann wäre der Zyklus anders: "Sell in may and go away" reimt sich, also tun sie’s.
  • Der Freitags-Zyklus: Bevors ins Wochenende geht, gehts noch mal abwärts. Friday is doom day an den New Yorker Börsen. Mit Wirtschaft hat das schon wieder nichts zu tun.
  • Der Fußball-Zyklus: Wenn ein Verein der National Football Conference die Super Bowl gewinnt, stiegen die Kurse. Wenn die American Football Conference die Schüssel heim trägt, dann gehts abwärts. Vermutlich, weil die Mehrzahl der New Yorker Zocker National Fans sind.
  • Der "große" Zyklus: Immerhin, wenigstens ein wirtschaftlicher Zyklus, aber der ist am wenigsten vorhersehbar: Die langfristigen Bull- und Bear-Zeiten. Einige Jahrzehnte gehts aufwärts, dann einige Jahrzehnte wieder abwärts. Die erste Aufwärtsphase dauerte 1943 bis 1968, die zweite ging bis 1982 abwärts, dann gings bis 1998 steil aufwärts. Großes Problem: Seitdem funktioniert die Theorie nicht mehr: Die Börsenkurse springen so erratisch auf und ab, dass niemand sagen kann, was weiter kommt.

Zu diesem Artikel...


>> Wall Street Journal