Nachhaltigkeit: Kreativ oder doch nur Chaos?
Die Nachhaltigkeitsforschung hat einige Erfolge gezeigt. Probleme hat sie aber genug.
Der Brundtland-Bericht zum Thema "Nachhaltige Entwicklung" ist mittlerweile 17 Jahre alt. Einiges ist geschehen, viel mehr allerdings ist nicht passiert oder gescheitert. Eine der Ursachen ist das wissenschaftliche Chaos, was "Nachhaltige Entwicklung" eigentlich ist. Aber die Nebel lichten sich. Eine Spurensuche durch die Konzepte und ihre Proponenten im deutschsprachigen Raum.
Als sich 1992 mehr als tausend Delegierte aus aller Welt in Rio de Janeiro trafen, um über Umwelt, Entwicklung und dieZukunft der Welt zu diskutieren, hatten sie zwei Dokumente im Gepäck: Zum einen die damals drei Jahre alte Resolution 44/228 der UNO-Vollversammlung, die sie beauftragt hatte, die erste Umwelt-Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen abzuhalten. "Die UNCED soll den Übergang von einem fast ausschließlich auf die Förderung wirtschaftlichen Wachstums ausgerichteten Wirtschaftsmodell zu einem Modell herbei führen, das von den Prinzipien einer dauerhaften Entwicklung ausgeht", hieß es in dieser Resolution.
Das zweite Dokument war um einiges dicker: "Our Common Future" stand am Deckblatt, und es markierte den ersten und bis jetzt größten Meilenstein in der Geschichte der Nachhaltigen Entwicklung: Der Endbericht einer UNO-Kommission war das erste politische Papier, das die Themen Ökologie und Entwicklung zusammen führte, und das die Probleme beim Namen nannte: Die Ressourcen der Welt sind begrenzt, und wir leben auf Kosten unserer Zukunft und auf Kosten unserer Mitmenschen auf der armen Südhalbkugel. Vorsitzende war die damalige norwegische Umweltministerin Gro Harlem Brundtland, unter deren Namen der Bericht fortan stehen sollte: Der Brundtland-Bericht.
Aber der Brundtland-Bericht war nur das Aushängeschild einer Entwicklung, die sich schon geraume Zeit durch die Wissenschaft zog: Man erkannte bereits Mitte der Sechziger Jahre, dass das Nachkriegs-Wirtschaftswunder nicht ewig halten konnte und an die Grenzen der Ökosphäre stoßen musste. Als der Brundtland-Bericht jedoch zum ersten Mal den Begriff "Nachhaltige Entwicklung" breit einführte, plagte man sich in der Wissenschaft noch damit, sich zu einigen, was damit eigentlich gemeint ist: Die Brundtland-Definition des Wirtschaftens, ohne die Chancen zukünftiger Generationen oder anderer Menschen zu reduzieren oder zu gefährden, war eine ausweichende Negativ-Definition im Geist des bürgerlichen Liberalismus: Tue alles was du willst, solange es niemandem schadet.
Drei Auffassungen von Nachhaltigkeit
Bloß: Was schadet niemandem? Jede wissenschaftliche Disziplin fühlte sich berufen, ihre eigene Antwort zu geben, und die folgenden Jahrzehnte gingen unter in einer Kakophonie an lückenhaften, widersprüchlichen Ansätzen. Der erste der drei entstehenden Nachhaltigkeits-Ansätze war geboren: der "monodisziplinäre" Diskurs über Nachhaltigkeit. Grund dafür gibt es genug: Erstens ist das Thema hochkomplex, denn es verbindet zwei für sich allein schon schwer zu verstehende Bruchlinien: Jene zwischen Mensch und Natur (ein ökologisches Problem), und jene zwischen Menschen (ein soziales Problem). Diese Anhäufung des Unwissens bremste den Aufbau einer konsistenten Theorie mehr als alles andere. Zweitens berührt das Thema auf allen Ebenen Machtinteressen, und auch diese haben ihren Einfluss auf Forschung und Entwicklung. Drittens führte die Negativdefinition von "Nachhaltiger Entwicklung" direkt in philosophische Diskurse über westliche Werte und Auffassungen über Gerechtigkeit, Freiheit und Kultur.
Viele der ersten Theoretiker waren sich alles andere als einig: Die Urväter der Nachhaltigkeit (Nicholas Ceorgescu-Roegen und Herman Daly) sahen Nachhaltigkeit als ein primär ökologisches Konzept und verwahrten sich lange dagegen, andere Kriterien gelten zu lassen: "Wir sollten eher einen Zaun um das Ökosystem bauen und uns danach richten", sagte Herman Daly 1992 zu den aufkeimenden Versuchen, Nachhaltigkeit auf soziale Zusammenhänge zu erweitern. "Prinzipien wie Gerechtigkeit sind wichtig und notwendig, aber sie sollten nicht das Konzept der Nachhaltigkeit verwässern" .
Vielen Interessensvertretern kam aber dieses Durcheinander durchaus gelegen, denn es ermöglichte einen inflationären Missbrauch des Begriffs: Die Weltbank sprach von "Nachhaltigem Wachstum". Unternehmerverbände definierten Nachhaltigkeit kurzerhand zum Wachstumsimperativ um, als hätten sie den Brundtland-Bericht nie gelesen. Sie schufen die zweite Kategorie der sich herausbildenden Ansätze: Den "naiven" (viele meinen: "böswilligen") Diskurs über Nachhaltigkeit. "Nachhaltige Entwicklung" steht in jeder erst zu nehmenden Gründungsdeklaration und ist seit dem Gipfel in Nizza offizielles Entwicklungsziel, und viele Gesetze tragen das schöne Wort in der Präambel. Seitdem die letzten drei Rahmenprogramme für Forschung und Entwicklung Millionen Euros Forschungsgelder locker machten, spielte auch die Wissenschaft mit: Kaum ein Forschungsprojekt kam ohne die Zielvorstellung "Nachhaltige Entwicklung" an Fördergelder heran. Das Problem dabei: Die "naiven" Nachhaltigkeitsvertreter konnten sich auf den Brundtland-Bericht beziehen, in dem der Wachstumszwang verankert wurde.
Im Schatten nachhaltiger Sprechblasen entwickelte sich der Nachhaltigkeits-Ansatz weiter, und er wurde von einer neuen Generation von jungen Forschern auf gegriffen, die nicht mehr im Naturschutz der Dreizßiger Jahre sozialisiert wurden, sondern im Gesellschaftsdiskurs der 68er-Jahre: Als hätte man einen vielarmigen Kraken vor sich, begannen Wissenschafter an den Enden verschiedener Tentakel, um sich langsam aufeinander zu zu bewegen: Der transdisziplinäre Diskurs war geboren: Auch wenn man die Einheit noch nicht kannte, man ging davon aus, dass Nachhaltige Entwicklung auf mindestens drei Säulen ruhen muss: Ökologischer, ökonomischer und sozialer Nachhaltigkeit. Kein System ist nachhaltig, in dem eine der Säulen fehlt oder zu schwach ist.
Viele Disziplinen, ein großes Ziel
So begann man in den späten Siebziger Jahren, die Ergebnisse der einzelnen Disziplinen zusammen zu tragen:
Nachhaltigkeit der Ressourcen: Aus den Naturwissenschaften kommt der älteste Ansatz der Nachhaltigkeit: Nicholas Ceorgescu-Roegen, der Urahn der Ressourcenökonomie, bewirkte bereits in den Siebziger-Jahren einen Dammbruch: Egal was wir in der Welt tun, eines tun wir in jedem Fall: Wir erhöhen die Entropie, die „Unordnung“ der Materie: Jeder Energieverbrauch verringert unsere zukünftigen Lebenschancen, weil er nutzbare Energie in nutzlose Entropie umwandelt, und es gibt nichts, was diesen Prozess umkehrt. Fast nichts: Die Sonne als einziger exogener Energielieferantin baut Biomasse auf. Diese (aus dem zweiten thermodynamischen Gesetz abgeleitete) Aussage schuf die Grundlage für erneuerbare Energien.
Nachhaltigkeit des Ökosystems: Jedes Lebewesen sucht „nutzbringendes“ und hinterlässt „Mist“. Der Kreislauf eines funktionierenden Ökosystems baut jedoch darauf auf, dass jeder „Mist“ wieder „nutzbringendes“ ist. Wer dem Ökosystem Stoffe hinterlässt, die für niemanden nützlich oder für viele sogar schädlich sind, sägt am eigenen Ast. Das gilt für das tödliche Seweso-Dioxin oder PVC (auf natürlichem Weg nicht abbaubare Stoffe) genau so wie für zuviel CO2 in der Atmosphäre. Aus dieser Erkenntnis entwickelte sich die Grundlage für die Theorien von der Leistungsfähigkeit der Ökosysteme. Eine bekannte Propontentin dieses Ansatzes ist Österreicherin: Die Metabolismusforscherin Marina Fischer-Kowalski.
Co-evolutionäre Konzepte: Jahrelang war man von einem unversöhnlichen Nebeneinander von Natur und Kultur ausgegangen. Wirtschaftsgeschichtlerinnen wie Verena Winiwarter und Humanökologen wie Gerald Marten zeigten, wie willkürlich die Trennung angesichts jahrtausendealter Beeinflussung der Natur ist: Das Ökosystem ist nicht nur die Natur, sondern das komplexe Interaktionsbild von Natur und Kultur. Dieser Ansatz räumte vor allem mit dem romantischen Ansatz auf, die Natur sei gut und der Mensch schlecht, also sollte man erstere walten lassen und zweiteren beschränken. Nicht alle menschlichen Eingriffe waren Katastrophen, und nicht alle Katastrophen waren menschlich verursacht. Mensch und Umwelt entwickeln sich co-evolutionär gemeinsam.
Umsetzung der Nachhaltigkeit: Viel Rauch, wenig Feuer
Die Theoretiker haben einigen Rauch verursacht, aber wenig zur Umsetzung bei getragen. Ökologische Zusammenhänge sind schon komplex genug, und so pendelten viele politische Empfehlungen zwischen Unrealisierbarkeit und Unwirksamkeit. Dass „Nachhaltigkeit“ ein Denkkonzept ist, von dem wir nicht das Ziel, sondern nur die Richtung kennen, ist in der Wissenschaft unbestritten. In der Öffentlichkeit regieren andere Gesetze, und hier ist die Einsicht weit weniger verbreitet.

