Kranker Mensch, kranke Medizin?
Ist die Medizin in der Krise, oder nur, wie wir mit ihr umgehen?
Das Drama um die falsch behandelte Olivia Pilhar hat Monate lang die Öffentlichkeit erschüttert und die orthodoxe und alternative Medizin wieder ins Gerede gebracht. Gut so, denn wir müssen darüber reden. Aber die Frage lautet eher: Ist unsere Medizin krank - oder die Art, wie wir mit ihr umgehen?
Dozent L. sitzt zwischen Tür und Angel an einem Schreibtisch, ich gehe zufällig an ihm vorbei, die Abschluß-Befunde von einem Jahr Strahlen- und Chemptherapie in der Hand. Daß ich wieder mal da sei, höre ich mich sagen. Ob die Befunde gut aussähen, fragt er. Danke, weiß noch nicht, aber wieso denn nicht. Na fein, sagt er, jetzt sei ja bald Ostern, wir könnten uns dann bald einen Termin für die Knochenmarkstransplantation im Herbst ausmachen. Ich sehe graue Flecken, setze mich kraftlos. Was, eine KMT-Transplantation, ein Monat total isoliert, steril, abgepackt, mit einer Chemotherapie, die mich mit 20 % Chance tötet? Ich, wo ich durch bin? Scheiße. L. spricht weiter, wie hinter einer Wand. Das sei zur Sicherheit. Wenn man ein Auto zur Reparatur bringt, dann sollte man es doch gleich ganz reparieren. Ich sitze da in einem grauen Schleier und kämpfe mit den Tränen, will es nicht wahrhaben. Der vergleicht mich mit einem Auto, will mich reparieren, und der hat mich berührt, hat mir verordnet, dessen Medikamente habe ich Trottel brav gefressen, wie ein Auto, das im AKH zur Reparatur steht. Vielleicht rät er meiner Mutter noch gleich zum Neuwagenkauf, der alte wäre Totalschaden. Ich versuche, ihn, alles, die Welt von mir wegzuschieben, das ist nicht wirklich, das kann doch nicht war sein, soll das alles Leid, die alle Not und die alle Todesangst noch nicht alles gewesen sein, ich will nicht mehr, ich will nicht mehr über-leben, ich will endlich leben, ohne Angst. Und dieser Kerl gibt mir so eine Hypothek auf mein neues Leben mit. Ich sei wie ein Auto, ich hätte nur 50 % Überlebenschance, und noch einen Tumor kriege man nicht mehr weg. Ich fühle mich zerbrochen.
Die Bilder und Zeilen der Olivia Pilhar haben uns bewegt. Ein einzelnes Schicksal, gepeinigt durch die Öffentlichkeit gezerrt, stellvertretend für die enormen Konflikte, die still und heimlich in unseren Verhältnissen mit Ärzten schlummern.
Diese Zeilen sollen nicht Stellung nehmen für oder gegen Schul- und Alternativmedizin, für oder gegen Hamers und Vanuras, Eltern oder Bezirkshauptmannschaften. Sie sollen nicht auf Methoden zeigen, sondern darauf, wie wir damit umgehen. Und sie mit uns. Es geht nicht um Kunstfehler oder Scharlatane, es geht um den Normalzustand. Die Aussagen sollen nicht objektiv sein. Denn ich bin subjektiv, selbst betroffen, selbst ein Stück Olivia. Die geschilderten Szenen sind AKH-Realität des Jahres 1990, Realität von einem Jahr Krebs.
Ein Mensch kommt aus einem Umfeld, das ihn durch Jahre in den Schmutz sinken ließ. Er wird krank. Thorwald Detlefsen: Krankheit als Weg. Krankheit als Aus-Weg. Der Mensch kommt in Hände derer, die das alles aber nicht interessiert. Die ihn als Maschine betrachten und behandeln. Der Mensch, mit seinen wunden Händen bittend, krank in Körper und Seele. Er wird in Schlafsälen zu 17 verstaut, seiner Privatsphäre beraubt. Die Seele bitte draußen lassen, wir behandeln ihren Körper. Die Seele wimmert. Dem Körper das beste, der Seele nichts, höchstens ein wenig gestreichelt von einigen bewundernswerten Schwestern, die diese Last ertragen können.
Es ist nicht das Behandeln, das falsch ist. Es ist das Tot-Ignorieren der anderen Hälfte des Menschen. Mag nicht Aufgabe der Mediziner sein, zugestanden. Aber es ist doch Aufgabe, es im Augenwinkel zu behalten und, wenn notwendig, fremde Hilfe zuzuziehen. Mir hat niemand diese auch nur angedeutet.
Behandelt-werden heißt sich-helfen-lassen. Und das setzt Vertrauen voraus. Kann ich Vertrauen fassen in jemanden, den ich nicht interessiere? Ich habe wohl müssen, friß Vogel oder stirb, denn die Rute im Fenster der Götter ist fürchterlich: der Tod. Mich hat niemand um alternative Behandlung gefragt, mich hat überhaupt niemand je etwas gefragt. Ich war einfach de-facto unmündig, aus fahrlässiger Hilflosigkeit. Es war vielleicht mein Glück, vielleicht nicht. Ich habe es zumindest in jahrelanger harter Arbeit zu meinem Glück gemacht.
Die Götter in Weiß spielen ihre Rolle, und ich glaube, nicht einmal gerne. Aber die Angst vor dem Leid der Menschen und der Offenheit der eigenen Seele in einem Kabinett des Grauens und das Hochgefühl des Helfersyndroms zementieren diese Position. Sie sind es, die machen, und was sie sagen, sind die Brosamen ihres salbungsvollen Wirkens. Sie sind es, die die Last tragen oder liegenlassen. Und viele kranke Menschen überlassen sie ihnen nur willig, um alles noch ertragen zu können. Wollen wir das ändern, werden wir uns wohl beide bewegen müssen. Wohin? In ein offenes Miteinander, eine Leichtigkeit des Seins, des Kommens und des Gehens. In ein Miteinander ohne Fachchinesisch, Heimlichkeiten und leeren Sprechblasen. In eine Offenheit ohne kopftätschelndes "wird scho’ werden". In eine Partnerschaft aus einem, der gesund werden will und einem, der gerne dabei hilft. Eine Gemeinsamkeit in der Freude über das Leben und der Trauer über den Tod.
Ich kritisiere nicht die medizinischen Methoden unserer Krankenhäuser. Ich kritisiere die Umstände, wie sie angewendet werden. Ich werfe den Ärzten darin vor, sich nicht bewußt zu sein, daß sie nur den halben Menschen betrachten und diese Hälfte für ganz nehmen. Und ich nehme ganz wenige der zahlreichen, die ich kenne, von dem Vorwurf aus. Auch in der Ehrlichkeit, daß ich ihnen allen vielleicht mein Leben verdanke.
Hans Rauscher schreibt in der Wirtschaftswoche, die Pilhars seien erst von einem schlimmen Erlebnis im Krankenhaus in die Arme des Wunderheilers getrieben worden. Was sagt mir das Drama um Olivia? Es sagt mir, daß der Verlust an Vertrauen und das Entsetzen über Ansichten wie die meines Arztes zu Beginn das wichtigste im Menschen zerstören können: das eigene Vertrauen, den eigenen Sinn für sich selbst. Dann kann niemand mehr helfen. Kein Hamer und kein Primar. Ich bin froh, mein Vertrauen nicht durch die schrecklichen Ansichten meines Behandlers verloren zu haben. Ich würde schon lange nicht mehr leben.
Einige meiner Freunde im Krankenhaus ist es nicht gelungen, das Vertrauen in sich selbst zu finden. Andere haben es dort endgültig verloren. Sie sind heute tot. Ich habe beides behalten: mein Vertrauen und mein Leben.
Es ist Mittwoch, mein wöchentlicher Chemotherapie-Tag. Was mit Klaustrophobie beginnt, endet mit 10stündigem Erbrechen. Die Marter beginnt mit einem scharlachroten Medikament, das mir aus einer riesigen Spritze in eine laufende Infusion gegeben wird. Frau Dr. K. tut dieses, sitzt an der Bettkante, von mir abgewandt, uninteressiert. Ich sage ihr zitternd, bitte langsam, ich hätte dabei panische Angstzustände. Sie wendet kurz ihr hartes Gesicht zu, sagt "ah, Angstzustände hams?", dreht sich sofort wieder weg, rückt ab, redet mit einem Famulanten, drückt fester auf die Spritze. Sie hat es eilig. Ich liege zusammengekrümmt neben ihr, habe Angst, zu verrecken.

