linz & wien austria Sat, 31 Jul 2010 10:51:39 +0200

Willkommen am falschen Dampfer

Der Begriff "Nachhaltigkeit" hat nichts seinen Stempel aufgedrückt. Im Gegenteil.

Die Nachhaltigkeitsdebatte plagt sich mit vielen Kommunikationsproblemen. Eines wird besonders selten gesehen: Sie steht im falschen Diskurs: So wissenschaftlich unsinnig und politisch schädlich, Nachhaltigkeit schafft es nicht, einem Thema seinen Stempel aufzudrücken, im Gegenteil: Ihr werden alle möglichen Stempel aufgedrückt.

Als die Umweltorganisation Global2000 in andalusischen Paprika einen Cocktail aus bis zu acht Pestiziden fand, war die österreichische Lebensmitteldiskussion wieder um einen Skandal reicher: Gift im Essen verkauft sich glänzend auf den Titelseiten. Die glänzenden spanischen Paprika blieben tonnenweise in den Regalen liegen. Die Wirtschaft reagierte sofort: Die großen Lebensmittelketten krempelten Plakate und Werbespots um: aus der „Region Murcia“ kam ab sofort das spanische Gemüse.

Reagierte?

Ein etwas eigenartiger Begriff für den Wechsel von andalusischen zu murcianischen Paprika. Aber es hat gewirkt: Paprikaverkauf ist wieder auf Normalniveau, und in den Medien fiel kaum ein Satz darüber, wieviel spanischer Paprika mit Nachhaltigkeit zu tun hat: Er ruiniert jährlich die Gesundheit von tausenden Erntehelfern (die meisten marokkanische Wanderarbeiter, aber wen interessiert das schon), er ruiniert eines der fruchtbarsten Gebiete an der andalusischen Küste, er verbraucht eine Unmenge nicht erneuerbare Rohstoffe, bis er heil bei uns in der Salatschüssel landet. Konsumgewohnheiten sind kein Thema. Die Abtrennung der Produktion von der Konsumption ist kein Thema. Energieverbrauch ist kein Thema.

Die Kasse ist Thema. Und dass es nicht gesundheitsschädlich ist. Wie weit es aber ausgerechnet damit her ist, hat die Tiroler Arbeiterkammer am 24. März publiziert: Von 30 Gemüseproben wurden zehn beanstandet, in zwei italienischen Salatproben fand sich das in Österreich verbotene Pestizit Dichloran (es lebe der freie Warenverkehr, solches ist in der EU nicht einmal illegal), ein italienischer Paprika hatte ebenso Pestizide „aufzuweisen“ - pikanterweise ein biologischer. Wer also einigermaßen bei Trost ist, weiß, wie es um unser Gemüse bestellt ist.

Dieses Beispiel zeigt eines: Nachhaltigkeit ist kein Thema, ihr werden andere Themen aufgedrückt. Es geht um giftfreies billiges Essen, egal wie es zu Stande kommt, sonst nichts.

Und so geht es der Nachhaltigkeit mit allen ihren Säulen. Die Umweltdebatte liegt im Moment ohnehin darnieder. Die Landwirtschaftsdebatte ist dominiert von Gentechnik- und Giftdiskussionen (alle ein Teil der Nachhaltigkeitsdebatte, aber doch nicht ihr Kern), und darüber hinaus von einer extrem kurzsichtigen neoliberalen Marktdebatte im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung. Können wir uns die europäischen Bauern noch „leisten“? Aber natürlich können wir. Mit dem, was in der EU an Agrarbudget verbraten wird, könnten wir alle europäischen Bauern mit österreichischem Durchschnittslohn in die Rente schicken, und für die Beitrittsländer geht sich das vielleicht auch noch aus. Ein Großteil des Geldes geht beim Versuch drauf, die horrende europäische Überproduktion am Weltmarkt unterzubringen. Der Preis des österreichischen Rindssschnitzels beinhaltet also auch jenen Aufschlag, mit dem die EU noch bis vor kurzem Fleischexporte in die afrikanische Sahelzone subventionierte. Die lokalen Rinderzüchter, der die EU übrigens einen Schlachthof aus Entwicklungshilfemitteln hingestellt hatte, gingen daran zu Grunde. Dass nachhaltige Landwirtschaft mit Anbau lokaler Sorten für die lokale Bevölkerung zu tun hat, kratzt keinen, dafür geht es um zu viel Geld.

Die soziale Nachhaltigkeit ist das zweite große Sorgenkind: Wer erklärt einem normal sterblichen Bürger endlich einmal, was damit gemeint ist? Allerdings läuft gerade hier ein Diskurs, der den Begriff „Nachhaltigkeit“ entweder nicht kennt oder nicht benützen will: Die Diskussion um Armuts- und Reichtumsberichte, um Sozialleistungen und Staatsaufgaben. Aber auch hier gilt: Der Mainstream diskutiert nicht das Sozialstaats-Volksbegehren, sondern die Frage, ob wir uns den Sozialstaat noch „leisten“ können: eine nachhaltig dumme Diskussion, aber durchaus zweckdienlich, und zwar dem Neoliberalismus zweckdienlich.

Die größte Niete ist wohl die ökonomische Nachhaltigkeit: Seitdem ein verblichener Weltbankpräsident von „sustainable growth“ sprach, ist in der Geschäftspraxis eingekehrt, alles und jeden „nachhaltig“ zu nennen: nachhaltige Budgetsanierung, nachhaltiges Gewinnwachstum, nachhaltige Marktdurchdringung.

Wir werden um drei Erkenntnisse nicht herum kommen:

1) Die Nachhaltigkeitsdebatte läuft auf einem extrem hohen Abstraktionsniveau ab: Dieses Manko ist korrigierbar, aber nur mühsam: Es wird vor allem zur Folge haben, dass wir immer nur Teilbereiche der Nachhaltigkeit vermitteln können, und uns mit dem (ziemlich abstrakten) großen Bogen schwer tun werden.

2) Die Nachhaltigkeitsdebatte hat ein Problem mit sich selbst: Sie ist in sich so schwammig und im Prinzip ein bürgerlich-liberales Konzept der Negativdefinition der Freiheit: tue alles, was nicht irgendwelche Einschränkungen verletzt. Da passt viel hinein, auch viel, was nie und nimmer zusammen passt.

3) Die Nachhaltigkeitsdebatte hat bis jetzt um das wirklich heiße Eisen einen großen Bogen gemacht: Die breite kritische Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus.

Das lädt zu Missbrauch geradezu ein: Der Begriff ist schwammig und nichtssagend. Die Definitionen, die sehr wohl etwas sagen, sind sehr abstrakt. Ein aufgelegter Elfer, seine eigenen Begriffe und Definitionen hinein zu interpretieren, über vage Formulierungen einen Konsens gefunden zu haben und auf ihn stolz zu sein. Die aktuelle Diskussion über Nachhaltigkeit auf europäischer Ebene ist jeweils bis zum nächsten Wirtschaftsaufschwung oder bis zum Ende des „Kampfes gegen den Terror“ aufgeschoben und erschöpft sich in leeren Worthülsen. Der Nationale Umweltplan Österreichs ist tot, und die an und für sich engagierte österreichische Nachhaltigkeitsstrategie wird wohl ebenfalls das Schicksal des Rundordners ereilen: Immerhin stand z.B. im mittlerweile verblichenen Koalitionsübereinkommen, dass EU-Umweltstandards nicht überschritten werden sollen, und es gibt kaum Hinweise, dass der nächste Koalitionsvertrag etwas sinnvolleres zum Thema Umwelt enthalten könnte.

Die Nachhaltigkeitsdebatte bewegt sich im falschen Diskurs: Sie wird benützt, geknetet und verkocht. Kann sie etwas dafür? Nicht viel: Sie hat die Wahl zwischen Instrumentalisierung und Marginalisierung. Aber als die erste Diskussion um Atomkraft auftauchte, glaubte man auch, man könnte nur zwischen Atomzeit und Steinzeit wählen. Wir können also noch hoffen. Doch die Atomkraft-Diskussion hatte den heilsamen Schrecken vonTschernobyl. Es gibt aber kein Nachhaltigkeits-Tschernobyl, das in die Luft fliegen könnte: Wenn uns der Treibhauseffekt auf den Kopf fällt, hilft uns keine Kurskorrektur mehr.