Vom Homo Neoliberalis
... und was ihn vom Homo Sapiens unterscheidet
Wozu, glauben Sie, ist dem Mensch das Großhirn gewachsen? Zum Denken, lautet die landläufige Meinung. Stimmt nicht, sagt der angesehene zeitgenössische Anthropologe Marvin Harris: Nicht zum Denken brauchte der Mensch ursprünglich das Großhirn, sondern zum Rennen.
Das kam so: Der wahrhaft prähistorische Mensch war den Affen in vielerlei Hinsicht nah: Vor allem hatte er den Gang auf allen Vieren und lebte im Wald oder im Dschungel Mittelafrikas. Der große Entwicklungsschritt passierte, als der Mensch drauf kam, dass in der Savanne mehr Wild und damit mehr Essen rum läuft. Also verließ er den Busch und kam auch drauf, dass das Aufrechtgehen große Vorteile hat: Man sieht besser, und schneller rennen kann man auch.
Ein Großhirn als Schutz
Das Problem war nur: In der Savanne brannte dem neuen Homo Erectus (dem aufrecht gehenden Mensch) die Sonne allzu dräuend aufs Haupt. Das bedrohte leider ausgerechnet den wichtigsten Teil des Gehirns: Das Kleinhirn, in dem alle vitalen Körperfunktionen gesteuert werden. Wenn die Sonne zu heiß aufs Kleinhirn brennt, dann fliegt die Sicherung. Der Mensch fällt um, das Wild ist weg, und an Statt dass er Abendessen hat, wird er zum Abendessen anderer.
So setzten sich jene Menschen durch, die über dem Kleinhirn eine große Menge gut durchbluteter (also gut gekühlter) grauer Masse um das Kleinhirn legten. Das Großhirn war ein simpler Hitzeschild. Diese These ist belegt: Der Homo Erectus zeigte im Vergleich zu seinen ArtgenossInnen im Wald noch keinerlei Fortschritt in der Sozialstruktur, auch Mund und Rachen waren noch nicht zum Sprechen geeignet.
Denken: ein Betriebsunfall?
Das passierte erst ein paar zehntausend Jahre später: Erst die Species des Homo Sapiens kam auf die Idee, mit ihrer grauen Masse auch zu denken. Damit entwicklete sich etwas, was wir heute „Kultur“ nennen: Man macht sich Gedanken über Recht und Unrecht, über Menschen und das Leben, und über Sozialgefüge, die größer sind, als man erfassen kann. Auch der Homo Erectus zeigte Sozialverhalten, aber das Sozialverhalten endete bei der Sippe: Außerhalb wurde geschlagen und gemordet und es galt das Recht des Stärkeren. Erst mit Kultur ist es möglich, dass der Mensch sich über konkrete Sozialbeziehungen erhebt und so etwas wir universelle Werte, Regeln und Gesetze entwickelt.
Soweit Marvin Harris. Nun kommt meine Fortsetzung.
Kultur: zum Schutz oder zum Dreinschlagen?
Die abendländische Philosophie (und nicht nur sie) drehte sich im Kern um die Existenz des Lebens, und um Gesetze, wie Menschen Macht aufteilen. Der französische Philosoph Rousseau erkannte recht gut, dass das Gesetz vor allem dazu zu dienen hat, die Schwachen zu schützen, denn die Starken haben ohnehin Macht: „Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.“
Schon gut, aber was hat das mit dem Neoliberalismus zu tun?
Der Homo Neoliberalis: Ein Großhirn als Hitzeschild
Der Neoliberalismus ist jene religiöse Überzeugung, mit der das Großhirn wieder zu jener Funktion zurück geführt wird, die es ursprünglich beim Homo Erectus hatte: zum Hitzeschild.
Der Neoliberalismus ist nämlich auf allen Ebenen damit beschäftigt, zwei ganz wesentliche Prinzipien gesellschaftlich zu verankern: Erstens den Kampf jeder gegen jeden: Wir nennen dieses Prinzip „Wettbewerb“ oder „Binnenmarkt“. Zweitens die Überzeugung, dass man VerliererInnen des Kampfes nicht helfen darf, denn das würde nur den Kampf jedes gegen jeden beschränken. Dieses zweite Prinzip macht übrigens das erste Prinzip tatsächlich zum Krieg, denn wenn der Verlierer eines Spiels rücksichtslos untergeht, ist das kein „Bewerb“ und schon gar kein „Markt“: Es ist Krieg.
Das Recht hat im Neoliberalismus eine ganz umgekehrte Rolle als Rousseau das Recht sieht: Es ist dazu da, die Macht abzusichern, nicht die Machtlosen. Wer also die Macht hat, soll auch das Recht haben. Das ist genau das Gegenteil von Kultur, das ist kulturlos. Den zügellosen Kampf jedes gegen jeden hatten wir schon beim Homo Erectus, und er war schon damals keine besonders gute Idee. Dass der Mensch mit dem Homo Neoliberalis nun nach einigen tausend Jahren Kultur wieder auf das Niveau des Homo Erectus zurück sinkt, das tut allerdings ganz schön weh.
Das Großhirn ist allerdings nicht überflüssig geworden, trotz der Klimaanlagen. Das Großhirn des Homo Neoliberalis ist ein intellektueller Hitzeschild geworden: Wir lassen uns damit eine ganze Menge Ausreden und Gehirnwäschen einfallen, um die alarmierenden Signale nicht zu bemerken, die uns davon überzeugen müssten, dass wir mit Hochgeschwindigkeit in die Steinzeit zurück fahren: Die Ressourcenverknappung, die Umweltverschmutzung, der soziale Zerfall unserer Gesellschaft ist schon mehr als augenfällig. Wir haben dagegen intellektuelle Hitzeschilde entwickelt: Das Wachstumsparadigma, den „technischen Fortschritt“ oder die „Opfer, die wir alle bringen müssen“.
Im Grunde ähnelt der Homo Neoliberalis also wieder den alten Affen, die wir alle vor langer Zeit waren. Könnten wir sie nicht auf die Bäume zurück schicken?
Das Buch "Menschen" von Marvin Harris ist vergriffen. Gebraucht gibt es das Buch noch über amazon.
Infos über Marvin Harris von der ICAAP
Mehr Infos zum Stammbaum des Menschen gibts von quarks.de

