linz & wien austria Sat, 31 Jul 2010 10:49:22 +0200

Der Besen, mit dem wir kehren

Ist Ihnen aufgefallen, dass der ganze Kapitalismus mit einer Schandtat begonnen hat? Im alten Rom rebellierten die Bauern gegen ihre Feudalherren und teilten das Land unter sich auf, jeder bekam sein eigenes Stück. Roma Quadrata. Da sprang Remus lachend über die Mauer des Romulus und lachte: Das hat’s noch nie gegeben, das gehört doch uns allen. Worauf Romulus ihn erschlagen hat.

Dabei setzte Romulus nur ein heute selbstverständliches Recht um. Er sagte: My home is my castle, und ich darf’s verteidigen. Das haben wir schon mit der Muttermilch aufgesogen und sagen deswegen natürlich dazu, aber Natur ist das nicht, das ist menschgemacht. Nur unsere Methoden der Durchsetzung sind etwas feiner geworden. Das Staatsgrundgesetz etwa, in dem steht "Das Recht auf Eigentum ist unverletzlich", oder das bürgerliche Gesetzbuch und das Strafgesetzbuch.

I.

Das war aber noch nicht alles. Eigentum war nichts Neues: Früher waren die Feudalherren die Eigentümer. Nur fehlte etwas anderes: Es war nicht übertragbar, es war kein Privateigentum. Niemand konnte einen Feudalherren zwingen (so wie wir es heute mit dem Exekutor tun), sein Land herzugeben, wenn er Schulden nicht bezahlte. Mit der paradoxen Situation, dass es Gläubigern oft schlechter ging als ihren Schuldnern. Aber ein solches Eigentum konnte man nicht vermehren (außer durch Krieg, und deswegen gab es auch soviel davon). Deshalb passierte mit dem Roma Quadrata zweierlei. Erstens: Privateigentum. Und zweitens: Übertragbarkeit. Man durfte es tauschen (gegen sinnlose Metallscheiben, die man dann wieder gegen sinnvolle Dinge tauschen konnte). Das ist die Grundlage des Kapitalismus.

II.

Der Westen bemüht sich sehr, dieses Recht weltweit durchzusetzen. Oft weit vor allen anderen Rechten. In der Menschenrechtskonvention steht zwar das Recht auf Leben; das Recht, nicht zu verhungern, (weil alles, was ich zum Leben brauche, plötzlich jemand anderem gehört), das steht nicht drin. Wohl aus gutem Grund. Beispiele dafür gibt es täglich.

Mit den endgültig gescheiterten Verhandlungen zum MAI (dem "multilateral agreement on investment") und den lautstarken Protesten bei der WTO-Konferenz in Seattle hat die sogenannte "zivile Gesellschaft" zumindest einen Etappensieg errungen. Aber nur zu gerne vergessen wir, dass MAI und WTO nur nachvollziehen, was weltweit ohnehin schon passiert. Das MAI mag vom Tisch sein, die Idee nicht: Die nächste Runde wird "New Transatlantic Marketplace" heißen, ein gerade verhandelter Vertrag zwischen Europäischer Union und der nordatlantischen Freinhandelszone NAFTA. Diesmal wird allerdings hinter verschlossenen Türen verhandelt, ohne lästige Bürgerbeteiligung. Man lernt ja. Der damalige EU-Wettbewerbskommissär Martin Bangemann nannte dies "sachgerechtere Politik, frei von Ideologie".

Kein Kapitalismus ohne Geld

Aber kommen wir noch einmal auf Roma Quadrata zurück. Schützbarkeit und Übertragbarkeit des Eigentums sind nur die Grundvoraussetzungen des Kapitalismus. Es erklärt die Peitsche, mit der ich mein Recht erzwinge. Es gibt aber auch noch ein Zuckerbrot, und das hat ursächlich mit Geld zu tun. Ohne Geld kann ich Eigentum nämlich nie anhäufen, also zu Kapital machen. Jedes normale Gut hat eine Grenze: Zu viele Äpfel werden schimmelig, und zu viel Ackerland ohne Bauer liegt brach. Ein jedes Gut wird mir also ab einer gewissen Menge nutzlos. Geld nicht, denn Geld kann ich unbegrenzt anhäufen. Das Geld, das ich nicht selbst brauche, kann ich praktischerweise vermieten wie eine Ware. So arbeitet mein Geld, anstatt ich selbst.

III.

Geld hat eine jüngere Tochter, schreibt Daniel Defoe, ihr Name heißt Kredit. Sie ist ein treues Mädchen, und eine sehr nützliche und rührige Kreatur. Auf den alten französischen Francs-Scheinen stand noch "Die Bank von Frankreich zahlt dem Überbringer dieses Schuldscheines 100 FF in Gold aus."

Schuldschein? Richtig, Geld ist ein Schuldschein. Geld wird dadurch geschaffen, dass jemand konsumiert, ohne eine Gegenleistung zu bringen. Dafür unterschreibt er einen Schuldschein, diese Leistung in Zukunft zu erbringen. Dieser Schein geht nun von Hand zu Hand, und irgendwann kommt der Schein wieder, in der Erwartung einer Leistung. Ein Geldschein ist die geregelte, formalisierte, verstaatlichte Form des Schuldscheines. Ein Geldschein ist ein Recht auf die Leistung eines anderen. Dieses Recht verleiht Macht (und Macht kommt nicht von ungefähr von Möglichkeit). Die Statistiken zeigen: Das angesammelte Vermögen steigt ununterbrochen, die angesammelten Schulden auch. Immer mehr Vermögen hat also mit immer ungleicherer Verteilung zu tun.

Geld verleiht Macht. Und der Mächtige nutzt seine Macht zur Anhäufung von noch mehr Geld, indem er Zins verlangt

Die Macht des Geldes kann man nutzen: Da Geld unbegrenzt vermehrbar ist, gibt es keine Grenze des Ansammelns. Wer Geld hat, der hat Macht. (Das hatten wir schon weiter oben.) Die nützt er aus, indem er einen Preis verlangt, der Zins heißt. Generationen von Ökonomen haben sich den Kopf zerbrochen, warum wir Zins verlangen dürfen. Die herrschende Meinung des 20. Jahrhunderts lautet "Verzicht": Ich bekomme Geld, weil ich auf das Ausgeben verzichte. Wir bleiben lieber bei einer einfacheren Erklärung: Wir verlangen Zins, weil wir es können, also weil wir die Macht dazu haben.

Stellen Sie sich vor, Sie haben mehr Geld, als Sie brauchen und könnten nichts damit anfangen. Sie würden glatt aufhören zu arbeiten. Was in verschiedenen Kulturkreisen zu verschiedenen Zeiten immer wieder der Fall war und ist. Sie arbeiten aber weiter und verborgen das erwirtschaftete Geld. Sie wären dumm, wenn Sie das gratis täten, immerhin bittet Sie jemand darum. Dabei ist es egal, mit welcher Rechtfertigung Sie Zins verlangen; Sie können es einfach tun.

IV.

Das Verleihen von "ungebrauchtem" Geld hat erst die ganze Spirale in Gang gesetzt, die unseren Wohlstand ermöglicht hat. Wenn die Leute ihr "ungebrauchtes" Geld einfach herumliegen ließen, würde sich nie etwas ändern. Aber der große Wohlstand ist nur Kopfseite der Münze. Die Zahl erinnert sehr ans "Zahlen": Geld konzentriert sich bei immer weniger Menschen, sammelt sich in den Händen von wenigen; ein unangenehmer Gedanke, so lange (kurz) nach dem Ende des "real existierenden Sozialismus".

Wenn Menschen Geld verborgen und dafür Zinsen bekommen, bleibt ihnen am Ende immer mehr. Was noch nicht das Problem wäre. Das Problem ist, dass sich Geld automatisch konzentriert: Die Schuldner müssen von ihrer Arbeit etwas abgeben, um die Zinsen zu bezahlen. Diese Zinsen werden wieder veranlagt, und wieder kommt Geld herein. Es verdienen vor allem jene, die Geld besitzen. Je weiter wir die Pyramide nach oben blicken, umso steiler wird sie: Die Hälfte der deutschen Privathaushalte besitzt 96 % des Privatvermögens des Landes. Die andere Hälfte geht leer aus. Von dieser reichen Hälfte besitzen wiederum 10 % den Großteil des Vermögens usw. (von Österreich gibt es bezeichnenderweise gar keine Statistiken).

Immer weniger Menschen werden immer größere Gläubiger, und immer mehr Menschen werden immer größere Schuldner.

Das Tortenstück der Arbeitenden am Einkommen wird immer kleiner. Bis jetzt konnten wir das kaschieren, indem der ganze Kuchen jedes Jahr ordentlich wuchs. Mit dem Ende des kalten Krieges ist der Grund weggefallen, für das "menschliche Antlitz des Kapitalismus" zu sorgen, da es keine bedrohliche Alternative mehr gibt. Das alles steht und fällt mit der banalen Möglichkeit, dass ich tue, was ich kann: Geld verlangen fürs Nichtstun; fürs Geld-verleihen und Darauf-warten.

V.

Geht es also um "Arm" gegen "Reich"? Wer ist arm? Nur der, der hungert und friert? "Arm" - im relativen Sinne - sind alle, die mehr in dieses System einzahlen, als sie bekommen. Mit jeder Ausgabe zahlen Sie versteckte Zinsen, und auf Ihr Sparbuch kriegen sie welche. Aber erst wenn Sie mehr als zwei Millionen Schilling (berechnet in Creutz, 1995) auf der hohen Kante haben, sind Sie auf der Netto-Gewinnerseite. Haben Sie zwei Millionen? Nein? Dann sind Sie so arm wie wir.

Dieselbe Armutsfalle schnappt auch international zu: 20 % der Nationen (darunter sind auch wir) besitzen 82 % des Weltvermögens. Die 80 % armen Nationen lassen ihre eigene Bevölkerung hungern, um die Zinsen zahlen zu können. Außerdem beuten die Menschen sich nicht nur gegenseitig aus, sondern auch ihre Umwelt. Der Grund ist der gleiche.

Unser gesellschaftlicher Konsens beruht auf Werten des Besitzens und nicht auf Werten des Lebens

VI.

Das alles basiert auf Gesetzen und Mechanismen, die wir tagtäglich hochhalten: Eigentumsrecht, Vertragsfreiheit (das wären die Gesetze) oder die Moral, die uns erlaubt, Geld fürs Nicht-Arbeiten (Stichwort Zinsen) zu nehmen. Nicht, dass diese Werte schlecht wären. Aber sie sind zu wenig. Unser gesellschaftlicher Konsens ist widersprüchlich: Er beruht auf Werten des Besitzens und des Lebens. Jetzt, wo die Gier nach Besitz und die Angst vor der Armut immer mehr Menschen unter die Räder es eigenen Karrens quetscht, bricht dieser Konsens. Jetzt glauben wir, dass uns der Kapitalismus "entartet". Weit gefehlt: Er ist so. Nur haben wir es noch nie richtig bemerkt. Das große Problem ist, dass wir dem Besitz die stärkeren Waffen gegeben haben - unseren "Rechtsstaat". Das Leben kann sehen, wo es bleibt.

Es gilt, über andere Formen des Wirtschaftens nachzudenken

Der Weg hinaus hat zwei Türen: Entweder stellen wir den Gesetzen des Besitzens Gesetze des Lebens entgegen. Mit Gesetzen, Gewohnheiten, mit Wahlzetteln. Oder wir getrauen uns endlich, über andere Formen des Wirtschaftens nachzudenken. Wann sonst sollten wir das tun, als in einer Zeit, in der wir alles sagen dürfen und genug zu essen haben?

Trotzdem fällt uns scheinbar nichts schwerer, als uns von der heimlichen Phantasie zu verabschieden, dass jeder von uns auch ein bisschen Macht hat, weil er ein bisschen Geld hat. Der Kapitalismus hat die Korruption von den Ämtern in die Seelen der Menschen verlagert, und dort frisst und nagt er nun. So nörgelt die Pensionistin über die Kapitalertragssteuer und vergisst, dass der ausgehungerte Staat ihre eigene Mindestpension seit Jahren nicht mehr ordentlich erhöhen konnte. Wir haben vergessen, dass 90 % der Menschen zu den Fischen gehören, die das größere Tier auf den Fersen haben. Wir haben es vergessen, weil vor unserem Rachen eben noch ein paar kleinere Fische schwimmen. Fürs Abendessen reicht es, und hinten fehlen die Augen.

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Claus Faber ist ehemaliger freier Journalist und nun Mitarbeiter der Österreichischen Gewerkschaft vida.
Bernd Schuh ist Wissenschafter an der Wirtschaftsuniversität.

Dieser Artikel erschien erstmals im Aurora-Magazin