Verfluchte Normalität des Krieges
Der Krieg gehört wieder zu den anerkannten Mitteln internationaler Politik. Die meisten Menschen finden das normal. In welche Welt sind wir geraten?
Man zweifelt an der Funktionsfähigkeit der Fernbedienung: Laufende Tarnjacken und aufschreckende Explosionspilze erzählen wieder die schmutzige Geschichte vom sauberen Krieg. Aber wir sind nicht in einem drittklassigen Zweiterweltkriegsfilm gelandet, sondern in der realen Zeit im Bild 2002. So schnell, wie der Krieg als Mittel der Politik wieder salonfähig geworden ist, konnten sie gar nicht alle rennen, um ganz vorne dabei zu sein: Gerhard Schröder, Tony Blair, Wladimir Putin, die chinesische Nomenklatura, und Indien ist ganz traurig, dass es nicht dabei sein darf, weil ein Militärdiktator im nachbarlichen Pakistan gerade wichtiger ist. Die jahrelange strukturelle Gewalt ist in offene militärische übergegangen.
Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er ist 78 und hat den zweiten Weltkrieg noch erlebt. Für ihn waren dies damals einzelne Feldzüge: Der Polenfeldzug, der Russlandfeldzug, der Frankreichfeldzug. Den Begriff "zweiter Weltkrieg" hat es damals nicht gegeben. In der Naziropaganda gab es einen gemeinsamen Namen: den "Großen Krieg um die Freiheit des des Deutschen Volkes". Nun, den Namen hätten die USA jetzt auch schon: "Krieg gegen den Terror". Werden die Historiker in 30 Jahren diesen als dritten Weltkrieg bezeichnen? Mit dem Afghanistanfeldzug, dem Somaliafeldzug und dem Irakfeldzug, währenddessen Israel seinen kleinen privaten Palästinafeldzug veranstaltet? Und werden wir fassungslos und tatenlos daneben stehen? In welche Welt sind wir hier bloß geraten? Vor einigen Wochen habe ich selbst noch folgende (vorsicht: zynische) These vertreten: Sobald Bin Laden erwischt ist, der Bürgerkrieg in Afghanistan wieder voll entbrannt ist, die USA wieder sagen, dass sie das alles nichts angeht, wird der Widerstand gegen die Globalisierung wieder Thema Nummer eins sein.
Wie naiv.
Dieser angebliche Krieg wird noch lange dauern, und die es jetzt schon am lautesten sagen, sind jene, die ihn betreiben: die USA. Keine Seite hat wirklich ein Interesse, den Massenmörder Bin Laden zu finden, denn solange es ihn angeblich noch gibt, kann man medienwirksam für ihn und gegen ihn kämpfen. Und so lange die angeblich zivilisierte Welt (die sich in weiten Teilen der Welt schon lange unerträglich unzivilisiert aufführt) einen gemeinsamen Feind hat, ob er nun tot oder lebendig ist, darf sie jeden Menschen, der/die gegen diese Form der Globalisierung und gegen den Krieg auftritt, verdammen: Geht doch nach drüben, hieß es im Kalten Krieg. Sags doch Bin Laden, heißt es jetzt.
Der deutsche Grüne Außenminister hat nun zum Beispiel zwei Möglichkeiten: Er entscheidet in gesinnungsfreier Staatsraison, und das heißt, sich mit einer kriegführenden Macht (den USA) ins Bett zu legen, denn das fördert am besten die Interessen der deutschen Industrie, und das ist am besten für deutsche Arbeitsplätze. Dass Blut an deutschen Fingern klebt, was solls, solange auch Geld dran kleben bleibt. Oder er entscheidet mit seinem Gewissen, dann entscheidet er sich (zumindest kurzfristig) gegen deutsche Interessen. Der Neoliberalismus hat uns eine Welt gemacht, in der es plötzlich sogar für gestandene Linke wie Joschka Fischer rational und richtig ist, Krieg zu führen. Nochmal: In welche Welt sind wir geraten?
Wird die Antiglobalisierungsbewegung gerade unverhofft zu einer Friedensbewegung? Aber Vorsicht: Wenn dies ein Krieg ist, dann tobt er schon länger: Er raste bereits durch Mexiko, Südostasien, Brasilien, die Türkei und Argentinien, jetzt rast er durch Afghanistan und Palästina, demnächst wird er durch Somalia ziehen, und Argentinien ist sowieso gerade wieder dran. Und er wird weiterrasen, es sei denn, wir streuen ihm Sand ins Getriebe.
Die Büchse der Pandora ist offen. Wie geht sie bloß wieder zu?
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eine Antwort von Andreas Exner

