linz & wien austria Sat, 31 Jul 2010 10:53:43 +0200

Straßenarbeiter

Jeremy arbeitet. Sein Arbeitsplatz: Die Straße. Seine Kunden: Sie.

Jeremy steht an seinem Arbeitsplatz. Eine ganz normale Straße. Kopfsteinpflaster. Die Altstadt von Feldkirch in Vorarlberg. Jeremy arbeitet. Und er ist einer der modernen Arbeiter, die nicht nur einen Arbeitgeber haben, sondern viele. Hundert vielleicht, und immer wechselnde. Und: auch ganz modern, er ist Taglöhner, oder genauer: Stundenlöhner. Nix gearbeitet, kein Geld. So einfach ist das.

Seine Arbeitgeber stehen in einer großen Traube um ihn herum und sehen ihm bei der Arbeit zu. Jeremy müht sich ab. Denn er weiß, er wird nach Leistung bezahlt, nicht nach Arbeitszeit (auch sehr modern). Also steht er am Kopfsteinpflaster - aber: steht er? Eigentlich fährt er, er sitzt nämlich auf einem Einrad. Aber fahren tut er auch nicht, denn er wippt nur am Stand hin und her. Wie auch immer, hier stehtfährt er also. Dazu hat er auf seinem Kopf eine Pint echtes englisches Bier stehen (“not a fucking European pint, a real British pint!”) Und während er mit einem langen Strohhalm das Bier ausschlürft, jongliert er mit fünf Keulen. Jeremy ist Gaukler.

Jeremy linst hinunter zu seinen Arbeitgebern. Sind sie zufrieden? Genug Spaß gehabt? Als das Bier verschwunden ist, und der Strohhalm im leeren Glas schlürfend röchelt, brandet Applaus auf. Jeremy wirft Keulen und Pint-Glas in die Luft, hüpft vom Einrad und fängt alles wohlgeordnet auf. Und dann zieht er, wie jedesmal, seinen Hut vom Kopf, verneigt sich, und geht herum, seine Lohntüte abholen. Hat er gut gearbeitet? Wird genug zusammenkommen? Reicht es für heute oder muß er nochmal spektakeln? Aber wenn Jeremy Pech hat, dann steigt nichteinmal die Pint Bier heraus, dann ist alles umsonst. Wenn es regnet, wenn alle in Eile sind, wenn keiner stehenbleibt. Dann hat Jeremy umsonst spektakelt, und der Rausch vom Bier durch den Strohhalm war für die Katz. Jeremy weiß, es ist ein gnadenloses Theater. Ein Augenblick keine Präsenz, und das halbe Publikum ist weg. Ein zweiter Augenblick, und er steht alleine da. Er würde sich ja lieber ins Bett legen, seine Grippe auskurieren, die er seit Tagen mit sich herumschleppt. Naja, morgen dann.

Aber morgen, wenn die neugierigen Blicke den dicklichen Briten im karierten Tweed suchen, wenn die Augen blitzen, wenn die Kinder kreischen, und wenn sie alle wieder aaaah rufen und klatschen, wird er wieder dastehen, mit seinem Einrad, seinen Keulen, und dem Bierglas. Und er wird wieder sehen, jetzt hat er ein paar helle Sonnenflecken auf graue Gesichter gezaubert, jetzt hat er schon wieder einen Manager im Nadelstreif aufgehalten, ihm eine Viertelstunde Zeit geschenkt - verstehst du? einfach geschenkt! Er hat es genossen, zuzusehen. Auch wenn er es jetzt eiliger hat und nach der Uhr sieht, auch wenn er forteilt, bevor Jeremy auch ihm seinen Hut hinhalten kann. Und die junge Mutti, die auch nicht mehr so gebeugt geht wie vorher, mit ihrem wieder quietschfidelen Sohnemann an der Hand. Dann werden Jeremy wieder ein, zwei Tränen kommen, und er wird sich wieder aufs Einrad setzen, sich wieder eine Pint auf dem Kopf einschenken (“not a fucking European pint, a real British pint!”). Und er wird sie wieder bis zur Neige austrinken, und er wird wieder spektakeln und Keulen werfen und so tun, als ob er vom Rad fällt, bis die Kinder kreischen und die Erwachsenen huch und aaah rufen, und übermorgen wieder, und überübermorgen...