linz & wien austria Sat, 31 Jul 2010 10:52:53 +0200

25 Quadratmeter, aus dem die Träume sind

Fünf Kilogramm Segeltuch über dem Kopf, hunderte Meter unter den Füßen, in der Hand nichts als zwei Leinen: Sind Paragleiter total verrückt, oder ist es ohnehin kinderleicht? Weder noch: Es lockt sie einfach der kleine Zipfel Freiheit.


Es wäre fast ein Bilderbuchstart gewesen: Schirm aufziehen, Leinen loslassen, anbremsen und schwarteln, was das Zeug hält. Wenn da nicht Billy gewesen wäre. Billy, der ganze Hund ein einziges Wedeln, war einfach ganz hingerissen von dem roten Ding, das sich da hinter mir aufbäumt. Ob man das nicht erwischen... „Billy, aus!“ Schon zu spät. Der Köter hängt am Schirm, und eine große Hand befördert mich unsanft auf jene Erde zurück, die ich gerade unter mir zurücklassen wollte.

Als ich zwischen den Leinen hindurch wieder den Himmel sehe, begrüßt mich eine nasse Zunge, und ihr begeisterter Besitzers, der sich einen Haxen ausfreut, seinen Lieblings-Kraul-&-Ballischmeiß-Gast wiederzuhaben. Was solls. Der Schirm ist unbeschädigt, die Sitzpolsterung hat schlimmeres verhütet. Aber beim nächsten Mal kommst du an die Leine, du Mistvieh.

---

Es war einmal ein verrückter Fallschirmspringer, der kein Geld für das Flugzeug hatte, um ihn nach oben zu bringen. Also überlegte er sichs anders und sprang von einem Berg. Wenns nicht stimmt, ist es zumindest gut erfunden, denn tatsächlich waren die ersten Paragleiter bekehrte Fallschirmspringer. 30 Sekunden Nervenkitzel vom Absprung bis zum Aufsetzen war ihnen zuwenig, sie wollten es jenen nachmachen, die da ruhig und gemütlich stundenlang in der aufsteigenden Luft (eingeweihte nennen sie „Thermik“) kreisen konnten: den Drachenfliegern.

Erfolgsgeschichte mit Bruchlandungen. Die Vergangenheit der fliegenden Fetzen ist ziemlich turbulent: Als eigentliche Geburtsstunde des Gleitschirms gilt der 23. November 1948: An diesem Tag trug der US Air Force-Techniker Francis Melvin Rogallo ein Patent für einen „selbstaufblasenden Fallschirm“ ein — als Spielzeug für seine Kinder. Niemand nahm von der verrückten Idee Notiz, wenn nicht die Sowjets 1957 das Patent ausgegraben hätten und den ersten flugfähigen Gleitschirm bastelten: Er verhalf Sputnik-Raketenteilen nach dem Start wieder heil auf die Erde. Als die NASA davon Wind bekam, begann ein millionenteures Wett-Tüfteln, das in einer Bruchlandung endete: Die großen Windgeschwindigkeiten zerknautschten den Schirm, und letztenendes wanderte alles auf den Müllabladeplatz der Zeit.

Nur Francis Rogallo tüftelte weiter: Mittlerweile Pensionist, fand er heraus, das das Ding viel besser fliegt, wenn man es mit Bambusrohren verstärkt. Unversehens hatte er das erste erfolgreiche Fluggerät erfunden: Den Drachen. Also erlitt der Paragleiter seine zweite Bruchlandung, denn niemand steckte einen Meter Segeltuch in die Gleitschirm-Idee. Erst 1985 kam der Schweizer Laurent de Kalbermatten auf die Idee, die Hinterenden seines Fallschirms zuzunähen. Dieser Urahn des Gleitschirms sah noch eher aus wie eine Luftmatratze, und genauso flog er auch: Nur von ganz steilen Hängen konnte er überhaupt abheben, und nur steile Berge (wie jene Berge um den Genfer See, von dem der erste Schirm abhob) boten die Chance, den Bäumen zu entgehen.

Das Prinzip ist bis heute gleichgeblieben: Ein Gleitschirm bläst sich durch den Fahrtwind auf (siehe Grafik) und steht wie ein großer Flügel über dem Piloten. Mit den damaligen fliegenden Matratzen haben heutige Gleitschirme allerdings sonst nichts mehr zu tun: Sie sind wesentlich besser und sicherer geworden. Mittlerweile geht es mit ihnen nicht nur mehr oder weniger schnell runter, sondern auch mit der warmen Luft wieder hinauf. Der Verzicht auf Stangen und Streben hat die Schirme leicht gemacht — leider nicht gerade leichter zu Handhaben, denn daß sich der Schirm durch den Fahrtwind aufbläst, macht ihn empfindlich gegen Böen und Wirbel.

Schnell zu Lernen, schwer zu Fliegen.
Toll sieht es aus, leicht scheint es auch zu sein, ist es aber dann doch nicht. Wer Gleitschirmfliegen lernt, hebt schon am ersten oder zweiten Tag am Übungshang ab. Bis das Können dann ausreicht, auch schwierige Situationen zu meistern, braucht es allerdings noch viele Monate. „Toi toi toi, und daß nichts klappt,“ wünscht mir mein Fluglehrer, bevor ich abhebe. Was nach „Hals- und Beinbruch“ klingt, ist aber durchaus ernst gemeint: Der Schirm soll nicht einklappen, sonst wirds unangenehm. „Ach was, runter kommen sie alle,“ sagen die alten Hasen und klopfen mir jovial auf die Schulter. Kleiner Scherz, haha.

Vor zehn Jahren brach auf Österreichs Bergen die große Gleitschirmwut aus. „Da hatten alle Flugschulen 40 bis 50 Teilnehmer pro Woche,“ erzählt Fluglehrer Stefan Rebernig von der Flugschule Hochkönig, „aber viele Leute sind nach einer Woche auf Nimmerwiedersehen verschwunden.“ Die Mode hat ihr abruptes Ende gefunden: Durch einige spektakuläre Unfälle, und durch die Erkenntnis, daß Gleitschirmfliegen mehr als nur ein Freizeitvergnügen ist: Es ist kein Sport, es ist eine Lebenseinstellung. Heute machen bei den Rebernigs nur mehr 100 Flieger im Jahr ihre Grundausbildung, und unterm Himmel ist wieder Platz geworden. Dazu kommt die verbesserte Sicherheit: Die ersten Gleitschirme wurden noch in diversen Hinterzimmern zusammengenäht, und dementsprechend war ihre Flugtauglichkeit. Heute überläßt man nichts mehr dem Zufall: Die modernen Schirme entstehen am Großrechner und werden einer wüsten Prüfungstortour unterzogen. Dazu kommt, daß ein Notfallschirm (wenn „alles klappt“) und ein Dämpfungspolster (gegen den kaputten Steiß bei unsanften Landungen) mittlerweile gesetzlich vorgeschrieben sind.

Gefährlicher als Schachspielen ist Gleitschirmfliegen noch immer. Der Wind, mit dem man fliegt, ist Freund und Feind zugleich: Wenn der Wind zu stark weht, wenn das Wetter umfällt, oder wenn die Gesetze der Aerodynamik den Schirm in ein Knäuel verwandeln, ist viel Erfahrung gefragt — und zur Not der Rettungsfallschirm oder ein weicher Baum. Der Vorteil (oder auch Nachteil, je nachdem) ist, daß der Pilot fast alle Risiken selbst in der Hand hat: Die meisten Unfälle passieren durch menschliches Versagen. Spitzenreiter dabei ist „Start bei gefährlichen Bedingungen“. Die größte Portion Mut verlangt es, nach einer sündteuren Liftfahrt den Schirm wieder einzupacken, weil der Wind von der falschen Seite kommt. Die Freiheit über den Wolken — sie hat eindeutig Grenzen.

Zu diesem Artikel...


Erschienen 1999 im Reisemagazin

Blick auf den Landepatz in Werfenweng
Abend vor dem Flugtag: Blick von der Bischlinghöhe zu den Hohen Tauern
Morgen nach einem Freiluftbivak unter dem Schirm - im Hintergrund das Tennengebirge